Königin Beatrix – im Holländischen Viertel
Ein Tatsachenbericht von Dieter Lehmann.
Aufgeschrieben von Jirka T. Witschak.
Zu DDR-Zeiten war das Holländische Viertel in Potsdam dem Verfall preisgegeben. Erst kurz vor dem Ende des ersten sozialistischen Staates auf deutschen Boden wurde mit der denkmalgerechten Sanierung dieses Kleinodes begonnen. Sicherlich auch auf Druck der UNESCO. Denn eigentlich sollte das Viertel, oder zumindest grosse Teile davon, abgerissen werden.
Noch kurz vor der Wende konnten 35 alte Holländerhäuser saniert werden. Bis auf die Bewohner der sanierten Häuser, flohen jedoch die meisten Menschen aus diesem Viertel, weil die Bewohnbarkeit nicht mehr gegeben war. Kaputte Dächer, oftmals keine Heizmöglichkeiten, Aussenklo - das sich zumeist unter der Treppe befand - und morsche Dielen! Hinzu kam, das die Innenhöfe der leer stehenden Häuser von der wuchernden Natur zurückerobert wurden. Das Holländische Viertel befand sich in den 80iger Jahren, trotz einiger Sanierungsmassnahmen, in Agonie. Der Untergang der DDR war hier besonders deutlich sichtbar!
Ich kann hier nur die Fotografien von Eberhardt Thonfeld aus dieser Zeit empfehlen. Sie liegen im Jan Boumanns Haus in der Mittelstrasse 3 aus. Fragen Sie einfach nach!
Nur wenige Privatleute versuchten, unter abenteuerlichen Bedingungen während der Zeiten sozialistischen Mangels und über die Wendewirren hinweg, Bausubstanz zu erhalten. Nach 1989 tauchte das Holländische Viertel wieder aus der Versenkung auf und stand im Mittelpunkt des Interesses von Architekten, Händlern, Projektentwicklern und Kunsthistorikern nicht nur aus Holland. Die Einmaligkeit dieses Kleinodes war eben diesen Leuten als erstes bewusst.
Neue Käufer standen Schlange. Aber diese Zeit war von Restitutionsansprüchen geprägt, so das der Stillstand an vielen Stellen, lange Zeit anhielt. Noch heute sind einige Häuser aufgrund von verstrittenen Erbengemeinschaften nicht saniert.
1991 erfüllte sich aber ein Wunsch der noch verbliebenen Viertelbewohner und vieler Hollandfans: Beatrix kommt!
Während Ministerpräsident Manfred Stolpe nebst Staatskanzlei routierte und in helle Aufruhr verfiel, verharrte die Potsdamer Stadtobrigkeit in bürgerbewegter Ignoranz gegenüber Autoritäten jeglicher Couleur. „Wer ist schon Beatrix“?
Für die erste Landesregierung Brandenburgs war es der erste Besuch eines gekrönten Staatsoberhauptes. Nach Insiderinformationen war weder klar wie man protokollgerecht eine Königin empfängt, wie man sie anspricht und wie staatstragend das Besichtigungsprogramm sein muss. Hektische Telefonate waren die Folge. Zu diesem Zeitpunkt war das Holländische Viertel, welches selbstverständlich auf dem Programm stand, nur partiell besichtigungstauglich. Der Großteil der Häuser war noch in dem anfangs beschriebenen Zustand.
Per Anruf aus der Staatskanzlei wurde ich beauftragt, die werte Königin durch das Holländische Viertel zu führen. Qualifiziert hatte ich mich wohl, für diesen pikanten Auftrag, durch meine Tätigkeit als Aufbauleiter des Holländischen Viertels.
Die Streckenplanung war einfach: Empfang am heutigen Sanitätshaus Kniesche. Dann ein Spaziergang durch die Mittelstrasse bis zur Kreuzung am unsanierten „Fliegenden Holländer“. Um dann die Benkertstrasse Richtung Bassinplatz abzubiegen. Diese Strecke erfüllte alle protokollarischen Anforderungen: der Weg war kurz und schnell. Die Königin sah hauptsächlich sanierte Häuser und nur wenig Zerfallenes. Die Ruinen befanden sich im restlichen Teil des Holländischen Viertels und waren durch das jubelnde brandenburgische Volk bestens abgeschirmt.
Soweit der Plan! Der Tag kam, und als erstes sahen die vielen Schaulustigen und das Empfangskomitee eine Stretchlimo. Diese fuhr weiter. Hielt auf der gegenüberliegenden Seite der Strasse ca. 100 m weiter als vereinbart. Verwirrung machte sich breit. Was will die Königin beim Bäcker?
In diesem Moment tauchte auch noch ein FirstClassReisebus auf, der rechtswidrig mitten auf der Kreuzung hielt. In den diesen Sekunden konnte man eine äusserst nervösen Sicherheitsapparat beobachten. Offenbar wusste niemand in welchem der Fahrzeuge sich denn nun die Königin befindet. In der Stretchlimo? Im Bus? Wahrscheinlich hätte es niemanden verwundert wenn in diesem Moment auch noch eine goldene Kutsche mit 8 Pferden aufgetaucht wäre!
Des Rätsels Lösung war dann der Reisebus. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Schliesslich war die Entourage der Königin gewaltig. Neben verschiedenen Hofdamen, war ihr Gatte Prinz Claus dabei. Des weiteren Ministerpräsident Manfred Stolpe mit Ingrid (Allgemeinmedizinerin und Gattin). Auch der damalige Bundespräsident Richard von Weizäcker, mit Gattin, ließ es sich nicht nehmen Beatrix nach Potsdam zu begleiten. Auf die rätselhafte Stretchlimo komme ich später zurück.
Nach einigen vorbereitende Nachforschen in alten Bücher meiner Schwester kam ich zum dem Schluss Majestät mit Majestät anzusprechen. Die Begrüssung war also ein schlichtes brandenburgisches: „Herzlich Willkommen Majestät“. Sie schien es okay zu finden.
Die Führung unterschied sich im Prinzip nicht von einem normalen Touristenprogramm. Entstehungszeit des Holländischen Viertels, Geschichte der Holländer in Potsdam und Holländerhäuser zeigen!
Nächster geplanter Höhepunkt war ein eigens eingerichteter Stand des Vereines zur Pflege Niederländischer Kultur in Potsdam e.V. Hier wurden Ziegelsteine aus der Glindower Ziegelei gegen eine Spende von 10 Deutschmark verkauft. Der Erlös kam dem Wiederaufbau des Holländischen Viertels zugute. Leider hatten Majestät kein Kleingeld dabei. Richard von Weizäcker sprang helfend bei. Er borgte sich von seinen Sicherheitskräften schnell 10 Mark. Die gingen dann in die Spendenkasse. Wo der Stein heute liegt ist nicht bekannt. Zumindest ist Richard von Weizäcker das erste Staatsoberhaupt, welches Reisekosten in Spendenquittungen für das Holländische Viertel umgewandelt hat.
In der Zwischenzeit hatten sich die Potsdamer zum Jubelspalier aufgestellt. Unser gottgelobter Ministerpräsident verwies mit einigem Stolz auf Familie Goebel, die der Königin aus den Fenstern des zweiten Stockes in ihrem Holländerhaus in der Mittelstrasse 3 zujubelten. „Meine Landeskinder, unsere lieben Brandenburger, Schauen Sie, wie sie sich hier wohlfühlen!“ Artig winkend honorierte Beatrix auch ihnen zu.
Aber nicht alle Landeskinder waren der Meinung des Ministerpräsidenten. Weithin sichtbar hing an der Benkertstrasse 7 ein Transparent: Beatrix lass dich nicht täuschen! Die Bewohner des Hauses schafften es immerhin Trixi und Manne in das Haus und die gutbürgerliche Wohnstube zu bugsieren. Irgendwie mussten die BewohnerInnen Beatrix mit Erich Honnecker verwechselt haben. Der Beschwerdekatalog, der nun der Königin und Manfred im heimisch gemütlichen Ambiente vorgetragen wurde erinnerte stark an einen der üblichen Eingaben an den kurz zuvor nach Chile verschickten Staatsratsvorsitzenden. Nach dem sich Majestät und Manfred die Mängelliste der Gewoba- Wohnung angehört hatten, verwies der Landesvater in einer grosszügigen Geste auf mich. Fortan hatte ich dieses Problem (Risse in den Wänden und den Dielen) am Hals.
Nächster unvermittelter und nicht geplanter Höhepunkt bot der „Fliegender Holländer“! Theo Elsing seines Zeichens gelernter Holländer und glühender Beatrix- Verehrer ließ es sich nicht nehmen seiner Königin, vom Protokoll nicht geplant, Die Struktur holländischer Mauerwerkskunst en detail in einem langem Vortrag zu erklären. Sicherheitskräfte hatten zu diesem Zweck eine nicht geplante Schneise zum „Fliegenden Holländer“ geebnet. In dieser Zeit entstand das Foto das sie hier sehen. Der Ministerpräsident, Prinz Claus, und Majestät himself schauen verzückt in die Höhe. Was Herr Elsing in diesem Moment nicht ahnte, während er die Mauerstruktur eines Potsdamer Holländerhauses voller Inbrunst erklärte: über und aus dem Publikum heraus winkte eine zweite Beatrix huldvoll dem jubelnden Volke zu. In diesem Moment erklärte sich der Sinn und der Zweck der Stretchlimo. Sie chauffierte quasi die „echte“ Beatrix. Zu unterscheiden waren die beiden Queens nur durch ihr Kostüm. Während die Königin aus dem Bus, die ich die ganze Zeit herumführte, ein Hauch von Rose trug, natürlich mit Hut, trug die quasi Ersatzbeatrix ordinäres Himmelblau. Trotz solcher verwirrenden Ereignisse ließ sich das Oberhaupt der Niederländer und Niederlännerinnen nicht irritieren. Wohl aus diesem Grund flüchtetete ein gewisser HaPe Kerkeling nach Berlin in das Bundespräsidentenpalais um dort wenigstens „lekker“ Abendbrot abzufassen.
Während Beatrix und Manfred ihren staatstragenden Aufgaben nachkamen, dem Volk huldvoll zuwinkten, kümmerte ich mich um Prinz Claus. Er war im übrigen ein dankbarer Zuhörer. Folglich kam er in den Genuss einer privaten Führung, der er sehr aufmerksam folgte und an der er offensichtlich viel Spass hatte.
In der Folge dieses spektakulären Besuches sorgten die Firmen Shell, Unilever und Phillips für barocke Beleuchtung der Mittelstrasse. Im Dunkeln des Kabinetts von Den Haag bleibt ob Ihre Majestät als Grossaktionärin von Royal Dutch Shell Ihre Hände im Spiel gehabt hatte.
Jedenfalls war ich heilfroh das Majestät zufrieden war und der Bus am Bassi bereitstand. Die ganze Bagage machte kurz noch mit eingeübter staatstragender Geste winke winke und verschwand Richtung Berlin. Eine gewisse Stretchlimo war schneller. Und ein gewisser Hape Kerkeling hätte beinahe im Bundespräsidentenpalais „lekker“ Abendbrot eingeheimst. Nur da war die echte Beatrix eben die echte Beatrix, die fuhr ja im Bus!
Und nicht in der Stretchlimo!